Maria_Loboda
* 1994, lebt in Basel

Nach der Ausstellung von Maria Loboda im Sommer 2021, für die sie Skulpturen schuf und in einer Performance eine kontroverse historische Figur als Trompe-l’oeil auftreten liess, hat Elise Corpataux am 25. Dezember 2021 im Atelier Amden ein Gemälde aus ihrer Werkgruppe der Datumsbilder ausgestellt. Neben den meist situationsspezifischen Projekten, die seit 1999 im Atelier Amden zu sehen waren, gibt es eine Reihe von Ausstellungen, zu denen auch dieses Projekt gehört, welche das Ausstellen als Aktion behandeln. Es sind unterschiedliche Versuche, die Erfahrung von Momentaneität zugleich als Werk und Ausstellung zu visualisieren und das Publikum daran teilhaben zu lassen. 

Elise Corpataux hat in den letzten zwei Jahren Gemälde geschaffen, auf denen gemalte Zahlen als Bildsujets auftauchen, und die von ihr manchmal wie Kalenderblätter aufgefasst sind. Daneben entstanden zahlreiche Bilder von Sonnenaufgängen und Sonnenuntergängen, denen die Künstlerin auf Instagram begegnet ist. 2019, während eines Aufenthalts in Delphi, bestand ihre tägliche künstlerische Recherche darin, vor Sonnenaufgang aufzustehen, um den Tagesbeginn bewusst wahrzunehmen. Die Zahlen auf ihren Gemälden beziehen sich meistens auf den Tag und den Monat, an dem die Ausstellung eröffnet wurde, für die sie das Bild gemalt hat. Im Unterschied zu den streng konzeptuellen Datumsbildern von Künstlerinnen und Künstlern wie Hanne Darboven und On Kawara, die auf der visuell manifesten Ebene Zeit als offene Sequenz und Dauer thematisieren, befasst sich Corpataux mit dem Aspekt der Wiederholung innerhalb der Zeitwahrnehmung. Da sie nur den Tag und Monat, aber kein Jahr vermerkt, ist den Bildern schon bei ihrer ersten öffentlichen Präsentation Zukunft und Vergangenheit eingeschrieben. Die ewige Wiederkehr mag ein Topos sein, und als solcher kaum auf Interesse stossen, doch auf den Datumsbildern von Elise Corpataux wird die Thematisierung des zyklischen Zeitverständnisses eingebettet in eine handwerklich sorgfältig ausgeführte Malerei voller bildhafter Anspielungen. Sie ist wie jede bemalte Fläche geschaffen für die simultane Wahrnehmung. Malerei ist eine stille Kunst, die visuell erfahren werden will und deren künstlerische Mitteilung von der Sprache nicht abgebildet, sondern lediglich umschrieben werden kann. Die Kalenderbilder lassen sich nicht erzählen, auch wenn die gemalten Zahlen ein konkretes Datum vorgeben. Die Ausstellung von Elise Corpataux im Atelier Amden ist für diesen Tag entstanden und wurde als solche wahrgenommen, selbst wenn uns bei der Betrachtung der Leinwand klar geworden ist, dass die aufgemalten Zahlen auch einen Tag und einen Monat aus der Vergangenheit oder eine ferne Zukunft meinen könnten. 

Elise Corpataux wurde 1994 in Fribourg geboren, studierte an der ECAL in Lausanne (Bachelor of Arts) und erlangte einen Master am Institut Kunst Gender Natur der FHNW Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. 2021 wurde sie mit der Bourse culturelle der Fondation Leenards ausgezeichnet.


Text: Roman Kurzmeyer, 2021