Pamela Rosenkranz
* 1967, lebt in London

Eine der Fragen, welche die Ausstellungen in Amden seit einigen Jahren thematisieren, ist jene nach den skulpturalen Eigenschaften dieses landwirtschaftlichen Zweckbaus, der seine eigentliche Bestimmung verloren hat und durch die neue Nutzung als Auslöser ästhetischer Erfahrungen erlebt werden kann. Welche Relevanz hat der Begriff der erweiterten Skulptur heute, vierzig Jahre nach dem die US-amerikanische Kunsttheoretikerin Rosalind E. Krauss den Begriff geprägt hat?

Die Ausstellungsmacherin Judith Clark widmete sich dem Gebäude selbst und seinem Naturbezug. Clark ist in Rom aufgewachsen und studierte Architektur an der Bartlett School of Architecture und an der Architectural Association in London. 1998 eröffnete sie die erste unabhängige Galerie, die ausschliesslich Kleidung ausstellte, und begann 2002 am London College of Fashion zu unterrichten. Sie studierte ab 2014 am Warburg Institute in London Kunstgeschichte, einerseits wegen ihres wachsenden Interesses an den Requisiten und Attributen in der Kunst der Renaissance und andererseits wegen Warburgs Methode, sich mit Kulturgeschichte und der Migration von Formen und Ideen durch die Zeiten zu befassen. Für den deutschen Bildhistoriker Aby Warburg war ein Kunstwerk nicht nur Ausdruck künstlerischen Talents und schöpferischer Kraft, sondern zugleich auch Medium, in dem sich ungerufene Bilder wie „Geister“ zeigen konnten. Er interessierte sich für Prozesse der Transformation, denen Bilder nicht nur unterliegen, sondern die von ihnen auch in Gang gehalten werden. Den Begriff „Pathosformel“, der in diesem Zusammenhang Verwendung findet, prägte Warburg 1905 für eine, wie John M. Krois treffend bemerkt hat, sich laufend erneuernde „bildliche Darstellungsform von einem gesteigerten Gefühlsausdruck.“ 

Seit vielen Jahren schon befasst sich Judith Clark mit dem Werk des Berner Künstlers Niklaus Manuel Deutsch (1484–1530), dessen Urteil des Paris (um 1517/18) aus dem Kunstmuseum Basel sie im Jahre 2010 eine Ausstellung widmete. Als Ausstellungsmacherin, die sich in erster Linie für Kleidung, deren Erscheinung und deren Bedeutung interessiert, thematisierte ihre Ausstellung Kleidung im Kontext der Darstellungen dieses berühmten Dramas. Clark stellt in Amden keine autonomen künstlerischen Werke aus, sondern sie zeigt den verlassenen Weidgaden unter dem Titel Niklaus Manuel Deutsch ausstellen: Das Urteil des Paris II als das, was er immer schon war, ein Haus für Tiere, Götter und wilde Energien. 

"I have thought about Niklaus Manuel Deutsch experimenting with figures and images for the domestication of nature as an alternative to the triumph of virtue over original sin. In his personifications the long hair is at once fashionable and caught up in natural forces. The bear, taken from is pattern book [Musterbüchlein] of ornament, cavorts in a human way whilst being the wildest of animals." Judith Clark, 2018

Text: Roman Kurzmeyer, 2018