Maria_Loboda
* 1979, lebt in Krakau

Die parkähnliche Landschaft über dem Walensee, die Künstlerinnen und Künstler seit dem 19. Jahrhundert fasziniert hat, bildete den Ausgangspunkt für die Arbeiten Nothing new under the sun (2021)und Stone wearing an ornate teardrop earring (2021) von Maria Loboda, die sie in ihrer Ausstellung An exhausted Dr. John Dee enjoys the view towards the lake zeigte. In dieser Umgebung liess die Künstlerin am 21. August 2021 Dr. John Dee auftreten, ein englischer Mathematiker, Astronom, Astrologe, Geograph und Mystiker des 16. Jahrhunderts. Er baute eine der umfassendsten Bibliotheken der Renaissance auf, studierte die Gesetzmässigkeiten der Natur und stand mit den Gelehrten und den Mächtigen seiner Zeit im Austausch. Dieser gelehrte Mann von grossem Einfluss, Hofastrologe von Elisabeth I., begann sich mehr und mehr dem Übersinnlichen und vor allem der Kommunikation mit Engeln zuzuwenden. Er wurde der Ketzerei und Schwarzen Magie verdächtigt. 1589 kehrte er von einer langen Reise zurück, die ihn 1583 mit seiner Familie im Gefolge eines polnischen Adligen und begleitet von einem Medium, Edward Kelley, nach Krakau und Böhmen führte. Er wurde von Kaiser Rudolf II. empfangen, musste Prag aber wegen der Inquisition fluchtartig verlassen. Maria Loboda, die in Krakau geboren wurde und 2003-2008 bei Mark Leckey an der Städelschule in Frankfurt studierte, hat sich in den vergangenen Jahren mit Landschaftsarchitekten und ihren Arbeiten beschäftigt, 2018 etwa für ihre Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt mit dem Amerikaner James C. Rose. Der Auftritt von Dr. John Dee in Amden mochte zunächst wie eine Farce erscheinen, brachte dabei aber Landschaft als Kulturraum und zivilisatorische Errungenschaft ins Bewusstsein zurück und rief beiläufig auch jene Menschen in Erinnerung, die sich im Namen von Theosophie, Spiritismus und Fortschritt zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Amden niedergelassen hatten. Dr. John Dee gehört im Schaffen der Bildhauerin in eine Reihe performativer Arbeiten, in der Loboda eine kontroverse historische Figur als Trompe-l’oeil innerhalb ihrer Ausstellung auftreten lässt.


Text: Roman Kurzmeyer, 2021